So gelangst du zu mehr Sicherheit als unsicherer Mensch - Neurotizismus leben:

Dieser Artikel geht neben den männlichen auch an interessierte weiblichen Mitleser. Ja, ich habe euch erwischt. 😀 Natürlich seid ihr genauso herzlich Willkommen auf diesem Blog und das ist definitiv ein Thema, das beide Geschlechter betrifft.

Los geht’s: Zum Anfang habe ich ein paar Fragen an dich: Passiert es dir oft, dass dir etwas im Leben widerfährt und du noch stundenlang darüber nachgrübelst? Ertappst du dich oft dabei, wie du dich auf den nächsten Streit vorbereiten kannst oder wie du viel besser und schlagfertiger auf eine Situation reagieren hättest können? Gleicht deine Gefühlswelt manchmal einer emotionalen Achterbahn? Würdest du dich als unsicheren Menschen bezeichnen, der in sozialen Situationen oft gehemmt ist? Wenn du mehrere Fragen mit ja beantwortet hast, spricht das dafür, dass du eine Person bist, die neurotisch veranlagt ist. Dann bist du vermutlich hier gelandet, weil dir das Leben oft Angst und Kummer bereitet und du oft das Gefühl hast, in dieser Welt nicht bestehen zu können.

Ich habe eine gute Nachricht für dich: Du musst dich weder dafür fertig machen, noch bedeutet das, dass du jetzt nie ein glückliches Leben führen kannst. Warum, darauf komme ich gleich zu sprechen. Vorher möchte ich dir aber noch genau erklären, was Neurotizismus eigentlich ist und was es für dich bedeutet …

Neurotizismus ist eines der großen 5 Persönlichkeitsmerkmale der Big Five, die bereits sehr gut erforscht und bestätigt wurden. Es ist das Persönlichkeitsmerkmal mit dem wohl schlechtesten Ruf, denn es vereint viele negative Merkmale wie: Ängstlichkeit, Feindseligkeit, emotionale Labilität und Unsicherheit. Das heißt, wenn man ein neurotischer Mensch ist, dann neigt man eher dazu, viel über Dinge nachzugrübeln, sich an feindseligen Gedanken aufzuhängen, schnell aus der Fassung zu geraten, einen geringeren Selbstwert zu haben und man entwickelt leichter Ängste sowie Depressionen. „Na toll! Dann kann man sich ja gleich ins Grab legen!“, wirst du dir jetzt denken und das habe ich mir auch sehr oft gedacht. Mich hat dieser negative Charakterzug immer zum Nachdenken gebracht, nicht zuletzt, weil ich erkannt habe, dass ich selbst eine gute Portion Neurotizismus mit auf den Weg bekommen habe.

Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich einfach so als „BU-Mann“ der Nation geboren wurde. Neurotizismus gilt nämlich wie die anderen Persönlichkeitseigenschaften der Big 5 als stabiles Persönlichkeitsmerkmal und ist etwa zu 50 % vererbt. Das klingt erstmal ernüchternd, ist aber sehr wichtig zu wissen. Denn wenn du neurotisch veranlagt bist, hast du wahrscheinlich immer versucht dich zu ändern und warst mit dir selbst unzufrieden. Jetzt weißt du, dass es keinen Sinn macht sich dafür fertig zu machen, dass du ängstlicher, unsicherer und sensibler bist als andere Menschen, denn es ist zum Teil ANGEBOREN. Diese Erkenntnis ist vor allem für Männer ein wichtiger Schritt, da das männliche Idealbild dominiert wird vom starken Mann mit Führungsqualität. Bist du ein neurotischer Mensch, wirst du dich von diesem Bild sehr unter Druck gesetzt fühlen, weil du innerlich genau weißt, dass du sensibler bist, als andere Männer. Falls du in dieser Richtung hohe Ansprüche hast, die du nicht erfüllen kannst, dann berücksichtige, dass du damit nicht glücklich wirst. Du wirst glücklich und selbstsicherer, gerade dadurch, dass du deine Unsicherheit akzeptierst.

Das klingt paradox, macht aber Sinn und ich empfehle dir, es für dich zu überprüfen: Da du jetzt über Neurotizismus Bescheid weißt, akzeptiere, dass es ein Teil von dir ist und lege überhöhte Ansprüche an dich ab, die dich unnötig belasten.

Im nächsten Schritt möchte ich dir zeigen, dass es doch möglich ist, etwas an dir zu ändern. WICHTIG ist dabei nur, dass du den vorherigen Schritt nicht vergisst. Wie gesagt, die Persönlichkeit ist relativ stabil und ändert sich nicht von heute auf morgen. Zumindest in den allerwenigsten Fällen. Aber sie kann sich ändern. Eine Erblichkeit von 50% heißt nämlich, dass 50 % der Persönlichkeitseigenschaft durch Gene bestimmt sind und 50% im Laufe des Lebens erlernt wurden. Was man erlernt hat, kann man auch wieder verlernen oder korrigieren. Selbst unsere Gene verändern sich im Laufe unseres Lebens, wie die neueste Forschung ans Licht gebracht hat.

Man kann unbewusste Glaubenssätze auflösen, sich Ängsten stellen und daran wachsen, neue Erkenntnisse gewinnen, Erfahrungen sammeln und sich dadurch weiterentwickeln. Das alles ist möglich und ich versuche auf meiner Seite so viel Erfahrung und Wissen zu vermitteln, wie ich kann, um dich auf dieser Reise zu unterstützen.

Aber grundlegender als alles andere ist, dass du dich akzeptierst.

Das ist das Wichtigste, das ich dir mitgeben kann. Sich zu verändern geht nicht von heute auf morgen. Auch sich zu akzeptieren kann ein längerer Prozess sein, vor allem wenn man sehr unzufrieden ist, mit sich und seinem Leben. Aber es ist notwendig, damit du mit dir selbst gelassen umgehen kannst und deine Persönlichkeitsentwicklung eher als Spiel betrachtest und nicht als Zwang. Pass also genau auf, wann du mit dir selbst nicht im Reinen bist und welche Gedanken da hochkommen: Fühlst du dich schlecht, weil du nicht so selbstsicher bist, wie jemand anderes? Lass es sein! Du kannst nichts dafür und es ist okay so wie es ist. Deswegen bist du nicht verdammt, ein unglückliches Leben zu führen.

Denn Neurotizismus hat tatsächlich auch positive Eigenschaften. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass emotionale Instabilität nicht nur mit mehr negativen Emotionen einhergeht, sondern auch mit ausgeprägteren Glücksgefühlen. Als neurotischer Mensch bist du zum Beispiel schneller gerührt, als andere, was dich empathischer werden lässt. Generell ist Sensibilität und Achtsamkeit das positive Gegenstück zu Ängstlichkeit oder Unsicherheit. Diese Feinfühligkeit haben viele Künstler zu eigen und können uns deshalb ganz anders auf der emotionalen Ebene ansprechen, als es ein emotional stabiler Mensch könnte. Und wir brauchen vorsichtige Menschen, die Dinge wohlüberlegt angehen als Ausgleich zu impulsiven Persönlichkeiten.

Natürlich kannst du dir trotzdem Eigenschaften wie Selbstsicherheit, Überzeugungsfähigkeit und Leichtlebigkeit aneignen. Höre aber auf deine Fortschritte in diesem Gebiet mit deinem Selbstwert zu verknüpfen.  Du kannst nichts dafür, dass du im Moment eine neurotische Persönlichkeit bist. Der Weg zu mehr Selbstvertrauen mündet immer über den eigenen Selbstwert. Den eigenen Selbstwert kannst du nur steigern, indem du herausfindest wer du bist und dich so akzeptierst, wie du bist, mit allen Konsequenzen. Deswegen mache dir das nächste Mal bewusst, wenn du dich schlecht fühlst: Du bist von Natur aus sensibler und das ist okay. Du kannst die hohen Ansprüche ablegen, die du an dich stellst.